Die personelle Situation im Kreißsaal ist miserabel

Die personelle Besetzung der Entbindungsstationen und Kreißsäle ist in Deutschland in den letzten 10 Jahren immer schlechter geworden. Hebammen und Elternvereinigungen wie Mother Hood e.V. fordern schon länger, dass wir dringend eine 1:1-Betreuung in der Geburtshilfe brauchen. Das heißt, dass eine Hebamme für eine Gebärende zur Verfügung stehen soll.

Während diese Forderungen mit lauten Protesten einhergehend jahrelang an die Politik herangetragen wurden, tat sich unterdessen NICHTS. Stattdessen hat sich die Situation immer weiter verschärft. Hebammen betreuen zum Teil 3-5 Geburten gleichzeitig. So ganz nebenbei haben die Hebammen auch noch Dokumentationspflichten, Materialien müssen besorgt oder bestellt werden, sehr häufig sind sie für das Putzen des Kreißsaals zuständig (!) und irgendwann müssen auch sie mal in ein Brötchen beißen oder sich die Hände waschen.

Gebärende allein im Kreißsaal

Es kann sich also jeder ausrechnen, was das bedeutet: als Gebärende bekommt man von einer Stunde mit 60 Minuten, die Hebamme nur ein paar Minütchen zu Gesicht. Als Frau unter Wehen ist man dann vermutlich auch noch genervt, dass die Hebamme vom Vater schon einige Male vergebens auf den Fluren gesucht wurde. Das ist natürlich absolut verständlich. Die Hebamme hingegen ist trotzdem im Stress und hetzt von einer Frau zur nächsten.

Kreißsaal dicht

Und nicht nur dass wir als Gebärende nur noch wenige luxuriöse Minuten eine Hebamme unter der Geburt an unserer Seite haben. Es mehren sich die Berichte von Schwangeren, die unter Wehen von Kreißsälen abgewiesen wurden. Selbst Rettungswagen mit gebärenden Frauen an Bord berichten, dass sie manchmal Schwierigkeiten haben, einen Klinik-Hafen zu finden, an dem sie anlegen dürfen.

Zu wenig Personal, zu viele Geburten – da wird der ein oder andere Kreißsaal auch mal für ein paar Stunden/Tage dicht gemacht. In der Ferienzeit kann das in manchen Gegenden sogar für einige Wochen der Fall sein!! Dass in den letzten 13 Jahren fast 30 % der Entbindungsstationen geschlossen wurden (dank Zentralisierung), macht es für Frauen unter Wehen nicht leichter einen nahegelegenen Kreißsaal zu finden, der auch noch Kapazitäten frei hat.

Doulas als Rettung?

Während sich die personelle Lage der Kreißsäle also dramatisch verschlechtert hat, haben vor über 10 Jahren clevere Frauen begonnen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Doulas, die man bislang nur aus anderen Ländern wie den USA kannte, verbreiteten sich in Deutschland. Inzwischen gibt es Hunderte von ihnen. Eine Doula wird von den Eltern privat gebucht, hat Rufbereitschaft exklusiv für eine Frau und ist während der gesamten Geburtszeit an der Seite der Gebärenden.

Sie ist nicht dafür da, die Gebärende zu verkabeln oder anzuzapfen. Die medizinische Versorgung und Untersuchungen obliegen nach wie vor den Hebammen. Die Doula ist einfach für die Gebärende da. So simpel und doch so wirkungsvoll. Sie unterstützt ihre Selbstbestimmtheit, erinnert sie an ihre Wünsche, hört sich ihre Gedanken an, hält ihre Hand, motiviert sie, schenkt ihr ein Lächeln, hat Verständnis, beantwortet Fragen, massiert zur Entspannung und Schmerzlinderung und bringt in eine hektische Klinik-Atmosphäre etwas Ruhe und Gelassenheit. Sie bedient und umsorgt die Frau von Kopf bis Fuß weshalb man auch gerne von „mothering the mother“ spricht. Hier darf die Mutter endlich einmal selbst bemuttert werden. Welcher Zeitpunkt würde sich dafür besser anbieten als die Geburt.

Doulas geben damit einer verfahrenen Situation in der Geburtshilfe eine Lösung während Kliniken und Politik alle Antworten schuldig bleiben.

Und was halten die Hebammen davon?

Doch nicht immer freuen sich alle gleichermaßen über die Anwesenheit einer Doula während einer Geburt. Manche Hebammen sorgen sich, dass ihre eigenen begründeten Forderungen weniger Gewicht haben, wenn durch die Doulas ein Leck im Kahn „Geburtshilfe“ geflickt wird. Sie fürchten, dass die Erfüllung ihrer Forderungen nach einer 1:1-Betreuung in noch viel weitere Ferne rückt, wenn Doulas einen Teil der Betreuung übernehmen. Manchmal macht es sie auch traurig zu sehen, dass die Doula so viel Zeit für die Gebärende hat und sich um sie kümmern darf – eine Aufgabe, die sie ja selber oft gern wahrnehmen würden.

Die Geburtshilfe säuft ab! Alle von/an Bord?

Doch dieser Kahn „Geburtshilfe“ hat bereits einige große Lecks. Die Unterversorgung mit Hebammen ist nur eines davon. Wir haben noch ganz andere Baustellen wie beispielsweise die Überversorgung mit unnötigen Eingriffen, der teils respektlose und gewaltsame Umgang im Kreißsaal, die Fehl- und Unterfinanzierung der Geburtshilfe etc. Um genau zu sein: die Geburtshilfe ist dabei abzusaufen. Und jede, die sich an Bord begibt – und das betrifft auch die Doulas – geht das Risiko ein, mit ihr unterzugehen. Wenn nun ein paar Mutige sagen „Wir können nicht tatenlos dabei zusehen wie die Geburtshilfe absäuft“ und das sinkende Schiff betreten, um dort wenigstens ein Leck zu schließen, dann kann das tatsächlich zu zwei Dingen führen: 1. Die Politik wird sich vielleicht noch weniger in der Verantwortung sehen, dieses eine Leck selber zu flicken. 2. Das Sinken des Schiffes wird vielleicht verhindert oder verzögert.

Vorteile für die Hebammen

Ganz konkret bedeutet das: wird eine Geburt in Kreißsaal 2 von einer Doula begleitet, dann hat die Hebamme vielleicht mehr Zeit für die Geburten in Kreißsaal 1 und 3, kann von ihrem Brötchen nicht nur abbeißen sondern es auch aufessen und muss nicht mehr über Flure hetzen, auf denen sie von genervten Vätern gesucht wird. Das Schiff, dass die Doulas betreten haben, um beim Flicken zu helfen, ist eben nicht nur ein Schiff, auf welchem die Gebärenden festsitzen – auch die Hebammen sitzen auf diesem sinkenden Schiff.

Hebammen sind dankbar nach positiven Erfahrungen

Haben Hebammen übrigens erstmal mit Doulas zusammengearbeitet, sind sie meist überaus dankbar für die Unterstützung und nehmen die Doulas als Bereicherung im Kreißsaal wahr. Selbst wenn nur eine Gebärende im Kreißsaal eine Doula dabei hat, ist die Entspannung für die Hebammen deutlich zu spüren. Zeitdruck und Stress werden so zumindest ein wenig reduziert. Darüber hinaus ist vielen Hebammen bewusst, dass von anderer Seite so bald keine Hilfe zu erwarten ist.

Politik im Funkloch?

Die Politik, die eigentlich dazu aufgefordert ist, den Kahn Geburtshilfe zu sanieren, hat sich nämlich inzwischen Folgendes überlegt:

Beleghebammen werden seit Januar 2018 nur noch für zwei Geburten gleichzeitig bezahlt. Das ist ungefähr so als würde ich sagen: „Liebe Politik, ich kann einfach nicht mehr vier Schiffe gleichzeitig fahren. Dieses Schiffe-Hopping ist unschaffbar. Ich habe nur Zeit, mich um ein Schiff zu kümmern.“ Und die Politik würde mir antworten: „Alles klar. Dann fahre bitte alle vier Schiffe weiter. Du wirst aber nur noch dafür bezahlt, zwei Schiffe gleichzeitig zu fahren. Das sollte ja schon mal etwas helfen.“ WTF? Wird hier auf unterschiedlichen Frequenzen gefunkt?

Also liebe Doulas, schön, dass Ihr Gebärende unter der Geburt nicht allein lasst und versucht, das Schiff mit zu retten. Aber vielleicht findet sich ja auch noch jemand, der mal versucht, das Funkgerät der Politik zu reparieren. Oder ist das irreperabel? So sehr die Doulas auch eine Bereicherung und Unterstützung im Kreißsaal sind: die Unterstützung durch die Politik ist unerlässlich! Ein paar Hundert privat engagierter Doulas können das Sinken des Schiffes wohl verzögern. Aufhalten können sie es sicher nicht. Dafür gibt es einfach zu viele Baustellen in der Geburtshilfe.

 

Wer sich näher mit diesem Thema befassen möchte, dem lege ich den Verein Mother Hood ans Herz, in dem ich auch Mitglied bin.